Bd. 2 (2017)

Staat, Verwaltung und Raum im langen 19. Jahrhundert | The State, Administration and Space in the long 19th Century

Editorial

Fast alle Theorien des ›modernen‹ Staates nennen als eines seiner Wesensmerkmale ein besonderes Verhältnis zum Raum, das oft mit dem Begriff der ›Territorialität‹ umschrieben wird: Die exklusive und einheitliche Durchsetzung seiner Rechtsetzung und Gewalt innerhalb eines exakt abgesteckten Gebiets. Verwaltung wird gerne als eines der Instrumente dieser Durchsetzung betrachtet. In den vergangenen Jahrzehnten haben allerdings sowohl zum ›Staat‹ wie auch zur ›Verwaltung‹ und zum ›Raum‹ kritische Debatten in verschiedenen Forschungsdisziplinen Platz gegriffen und den gewohnten Umgang mit den drei Konzepten teils grundlegend in Frage gestellt. Auf der Basis dieser Ansätze und Fragestellungen wird in den Beiträgen dieses Bandes das Verhältnis zwischen den drei Phänomenen anhand von Einzeluntersuchungen zu zahlreichen europäischen Regionen neu in den Blick genommen.

Einleitend skizziert der Band die Debatten um seine drei Leitbegriffe und zeichnet nach, welche Verengungen und Reifizierungen aller drei in der neueren Theorieentwicklung dekonstruiert worden sind. So erscheint der ›Staat‹ nicht mehr als einheitlicher historischer Akteur, als Entität mit eigener Handlungsmacht oder gar eigenem Willen, sondern als Assemblage aus vielen menschlichen, institutionellen und dinglichen Akteuren und Aktanten. Das Wirken dieser verbundenen Elemente zeigt eine langfristige Tendenz zur Monopolisierung bestimmter Formen von Machtausübung zu den eigenen Gunsten, ohne dass dies als bewusst verfolgtes Ziel angenommen werden muss. ›Verwaltung‹ wird neuerdings weniger als staatliche Institution denn als Tätigkeit oder als Kulturtechnik erforscht; ihre Verbindung mit dem Staat gerät damit nicht aus dem Blick, wird aber ihrer Ausschließlichkeit und Selbstverständlichkeit entkleidet. Öffentliche Verwaltung im Allgemeinen und Bürokratie im Besonderen stellen dann nicht mehr den Proto- oder Idealtypus der Verwaltung dar, sondern fungieren als ihre erklärungsbedürftigen Spezialfälle. ›Raum‹ schließlich wird kaum mehr als vorgegebene externe Bedingung menschlicher Existenz verstanden, sondern als von Menschen durch Diskurs und Praxis konstruierte Struktur.

Ausgehend von sehr unterschiedlichen theoretischen und methodischen Ansätzen nähern sich die Beiträge in diesem Band dem Verhältnis von Staat, Verwaltung und Raum unter der Voraussetzung dieser revidierten Konzepte. Staatliche und administrative Räume verschiedenster Größenordnungen und Arten sind Gegenstände der Untersuchung: vom Territorium des Staates in seiner Gänze über Provinzen und Verwaltungsbezirke bis hin zu den Gebäuden und Amtsstuben, in denen Verwaltung ausgeübt wurde. Gefragt wird nach dem Zustandekommen dieser Räume ebenso wie nach ihren Wirkungen und Funktionen. Welche Akteure und Aktanten waren an ihrer Konstituierung beteiligt, von welchen Motiven war ihr Wirken geleitet und wie resultierten daraus letztlich bestimmte räumliche Konfigurationen? Welche Möglichkeiten eröffneten diese für Verwalter und Verwaltete, wie wurden sie genutzt, akzeptiert, abgelehnt oder verändert? Eine Vielzahl von raumgestaltenden Techniken und Praktiken werden angesprochen: Dazu zählen die Ziehung und die Überwachung von Grenzen, das Sammeln, Ordnen, Verbreiten und Anwenden von Raumwissen ebenso wie vielfältige Praktiken der Raumnutzung. Technologien und Medien wie die Eisenbahn oder der Telegraf, die Gesetzesblätter, Rundschreiben, Formulare und Tabellen spielen ihre Rollen. Die Ausbreitung und Intensivierung, aber mitunter auch die Beschränkung oder Rücknahme staatlichen Wirkens erscheinen nicht so sehr als Erfolg oder Scheitern eines staatlichen ›Willens zur Macht‹ allein, sondern als Resultate des Zusammentreffens zahlreicher Akteure mit divergenten Zielvorstellungen und höchst unterschiedlicher Ressourcenausstattung.

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Stefan Nellen, Thomas Stockinger

Artikel

Birgit Näther
Ellinor Forster
Mathieu Jestin
Nathalie Patricia Soursos, Anna Ransmayr
Josef Löffler
Rüdiger von Krosigk
Stefan Couperus, Harm Kaal, Nico Randeraad, Paul van Trigt
Anna Gianna Manca
Anette Schlimm
Nadja Weck
Thomas Stockinger
Luigi Blanco

Relektüre

Margrit Seckelmann
Bettina Severin-Barboutie